Einstieg in die Geflügelproduktion

Der Einstieg in die Geflügelproduktion will gut überlegt sein. Ein Interview mit zwei Landwirten im Jura, die es gewagt haben. Einer mit einem besonders tierfreundlichen Stallsystem (BTS), der andere mit Freilandhaltung nach Bio Suisse. Beide erklären ihren Standpunkt, wie sie den Übergang geschafft haben und welchen Herausforderungen sie sich stellen mussten.

Michaël und Jessica Mercier, Eltern von zwei Kindern im Alter von 8 und 6 Jahren, führen einen Betrieb mit 54 ha in La Baroche in der Ajoie. Sie halten Schafe und bauen Raps, Getreide, Grünfutter und Obst an. 2019 erstellten sie einen 1100 m2 grossen BTS-Stall für 16 500 Mastpoulets.

Sébastien und Joëlle Eicher, auch sie Eltern von zwei Kindern im Alter von 15 und 12 Jahren, führen einen Bio-Suisse-Betrieb mit 47 ha in Corban im Val Terbi. Sie haben 80 Kühe (Mutterkühe und Mastkühe) und bauen Getreide und Obst an. 2017 errichteten sie auf zwei Hektaren ihres Landbesitzes sechs je 30 m2 grosse Hühnerställe für insgesamt 2600 Mastpoulets.

Was war ausschlaggebend für Ihren Einstieg in die Geflügelproduktion?

Michaël Mercier (MM): Wir standen vor der Entscheidung, weiter in unseren Betrieb zu investieren. Zu jener Zeit hatten wir Mutterkühe. Wir rechneten und kamen zum Schluss, dass sich ein Hühnerstall viel schneller amortisieren lässt als ein Viehstall. Ich habe mich bei Kollegen erkundigt und eine Geflügelspezialist von Bel hat mich kompetent beraten.

Sébastien Eicher (SE): Wir haben den Hof 2013 von meinem Onkel übernommen und hielten rund vierzig Milchkühe. Die Lage war kritisch geworden und ich stand kurz davor, einen externen Job anzunehmen. Die Gebäude mussten saniert werden. Die Investition in Geflügel war im Vergleich zu einer Melkanlage gering. Zudem war die Rendite garantiert und stabil.

Welche Bedenken hatten Sie bei Ihrer Entscheidung?

MM: Ich hatte Angst, auf mich allein gestellt zu sein und alles erst durch die praktische Anwendung zu erlernen. Weder ich noch meine Frau kannten uns mit der Geflügelzucht aus. Anfangs stand uns alle zwei Tage ein Berater von Bell zur Seite. Der hat fast im Hühnerstall gewohnt und seine Hilfe war Gold wert.

SE: Wir hatten auch Angst, unsere Unabhängigkeit zu verlieren und von einer Gruppe abhängig zu werden. Dies ist aber überhaupt nicht der Fall, im Gegenteil. Bei der Viehzucht und im Milchmarkt ist jeder ein Einzelkämpfer. Wollte man die Milch nicht zum angebotenen Preis verkaufen, wurde man fortgeschickt … Es tut gut, den Eindruck zu haben, zu einem Team zu gehören und mit Partnern zusammenzuarbeiten, statt dass alle gegeneinander kämpfen.

Michaël Mercier
BTS-Wintergarten

Für welches Haltungssystem haben Sie sich entschieden und warum?

MM: Unser Betrieb ist in einzelne Parzellen aufgeteilt, ich war nicht bereit für Bio. Deshalb habe ich mich für das BTS-System entschieden. Der Vorteil ist, dass alles automatisiert ist. Die Temperatur lässt sich einfach einstellen und es braucht weniger Bodenfläche. (Anm. d. Red.: Für die Einrichtung eines BTS-Hühnerstalls verlangt Bell, dass die innere Aufstockung gem. Art. 16a Raumplanungsgesetz erfüllt werden kann, allerdings können sich zwei Produzenten zusammenschliessen.) In Bezug auf das Tierwohl steht den Mastpoulets ein Aussenklimabereich mit Tageslicht und Umgebungstemperatur zur Verfügung. Da wir viele Mastpoulets halten, hätte ein Hygieneproblem katastrophale Folgen.

SE: Wir haben uns für Bio entschieden, weil wir den ganzen Hof Bio-zertifizieren lassen wollten. Bell offerierte uns noch in der Umstellungsphase den vollen Bio-Preis. Aus dem alten Stall machten wir ein Kükenhaus. Die Hühnerställe müssen nahe beim Hof stehen, damit wir aufpassen können, dass unsere Hühner nicht von Füchsen oder Raubvögeln geholt werden. Unser Nachbar arbeitet mit dem gleichen System, deshalb helfen wir uns gegenseitig bei der Einstallung der Küken und beim Verladen der Mastpoulets.

Joëlle und Sébastien Eicher

Wie sieht Ihre Arbeit aus und wie viel Zeit investieren Sie?

MM: Die Arbeitszeit entspricht übers Jahr einem Vollzeitjob. Wenn die Küken kommen, müssen wir sie alle zwei Stunden – auch nachts – überwachen für einen optimalen Start. Später ist es weniger und es genügt ein Kontrollgang zweimal täglich zur Betreuung der Tiere. Dafür braucht es ein gutes Auge. Bei uns kümmert sich meine Frau darum. Das ist ideal, weil es keine körperliche Schwerarbeit ist.

SE: Auch bei uns kümmert sich meine Frau um die Tierbetreuung. Wichtig ist, dass es immer die gleiche Person ist, denn so kann sie Unregelmässigkeiten erkennen.

MM: Bei uns dauert ein Zyklus 30–36 Tage. Die Eintagsküken haben einen hohen Wärmebedarf von ca. 33°C. Im Laufe des Mastzyklus kann die Temperatur dann abgesenkt werden und die Tiere erhalten Zugang zum Aussenklimabereich. Wenn der Zyklus abgeschlossen ist, werden die Mastpoulets mit dem Lastwagen abtransportiert. Beim Verlad helfen mir viele Leute aus der Nachbarschaft. Alle Anlagen müssen gereinigt werden. Den Geflügelmist bringen wir auf dem Feld aus oder wir liefern ihn in die benachbarte Biogasanlage.

SE: Bei uns dauert der Zyklus 63 Tage. Wenn die Tiere nach drei Wochen aus dem Kükenhaus kommen werden sie in mobilen Hüttchen eingestallt. Das Klima in den mobilen Hüttchen wird durch öffnen oder schliessen der Fenster reguliert. Auch die Sommerhitze setzt den Tieren zu. Ich habe daher einen Ventilator eingebaut um im Sommer die Hüttchen besser kühlen zu können. und im Winter heizen wir etwas. Nach einem Zyklus versetze ich die ca. 3,6 Tonnen schweren Hühnerställe auf eine andere Weide. In einem Turnus werden die vier Weidestandorte bestückt. Bei der Ausstallung helfen auch bei uns Nachbarn mit. Es ist ein geselliger Anlass und wir essen danach alle zusammen. Es gibt wenig Möglichkeiten, sich zu treffen, deshalb geniessen wir das.

Welches waren die Herausforderungen?

MM: Bis wir die Baubewilligung hatten, dauerte es zweieinhalb Jahre. Weil wir in einem Kanton mit vielen Kühen leben, war die Raumplanungsbehörde sehr misstrauisch. Man sollte sich rechtzeitig damit auseinandersetzen. In der Gemeinde kamen Tierschützer und auf Nachhaltigkeit bedachte Gruppen auf mich zu und drohten mir mit Einsprache. Doch nachdem ich ihnen meine Argumente dargelegt und erklärte hatte, was ich tun wollte, hielten sie davon ab.

SE: Auch mit der Baubewilligung, aber bei mir dauerte es nur ein Jahr.

Hatten Sie Bedenken im Zusammenhang mit dem Ausbringen von Hühnermist auf den Feldern?

SE: Ja, der Hühnermist hat einen hohen Ammoniakgehalt und riecht deshalb stark. Aber ich hatte keine Probleme.

MM: Anfangs habe ich den Kot auf etwas abgelegeneren Feldern ausgebracht, um zu prüfen, ob ich etwas rieche. Und ich habe im Dorf nachgefragt, ob sich jemand daran stört. Ich achte auch darauf, dass ich nicht einfach unkontrolliert irgendwo ausbringe. Bringt man den Kot zur Biogasanlage, verliert man den Geruch und gleichzeitig kann der Mist energetische genutzt werden.

Planen Sie einen Ausbau?

SE: Nein, wir sind maximal ausgelastet. Mehr liesse sich mit Blick auf die Hygiene kaum bewerkstelligen.

MM: Bell will keine grösseren Hühnerställe. Aber ich bin bereit, die Entwicklung der BTS-Produktion mit Bell weiterzuentwickeln.